Archiv

Woher kommt Innovation? Vom Krieg und den Elefanten bis zu Unternehmen und Nutzern

Geschichte 1

Ich habe einmal mit einem Ingenieur gesprochen, der zunächst in der Motorenabteilung der Formel 1 und später in der Motorengruppe der deutschen Armee gearbeitet hat. Ich fragte ihn: „Die F1 ist eines der wichtigsten Rennen der Automobilwelt, jedes Team bemüht sich, den schnellsten Motor zu bauen. Ist das nicht der Ursprung und Ausgangspunkt der automobilen Innovation?“

Er schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, der Ursprung der Motoreninnovation ist der Krieg.“ Alle Länder investieren enorme Mittel und holen die klügsten Menschen zusammen, um die leistungsstärksten Maschinen zu entwickeln. Seine Antwort hat mich lange beschäftigt. Bei weiteren Recherchen fand ich heraus, dass viele Dinge, die wir heute täglich nutzen – etwa Navigation, HUDs, das Internet – ursprünglich entwickelt wurden, um Kriegsführung zu verbessern.

Diese Technologien entstanden größtenteils aus den konzentrierten Investitionen und dem extremen Druck der Kriegszeit. Das führte mir vor Augen: Innovation entsteht oft nicht aus persönlicher Neugier, sondern aus systemischem Druck und massiven Ressourceneinsätzen. Die Motivation der Ingenieure mag berufliche Mission oder technische Leidenschaft sein; aber die eigentliche Quelle des Durchbruchs sind staatliche Ressourcen und der extreme Bedarf, Kriege zu gewinnen.

Mit anderen Worten: 
Innovation entsteht manchmal in Situationen, in denen man „unbedingt erfolgreich sein muss“.

Geschichte 2

Vor Kurzem las ich ein Buch über die Herstellung von Kunststoffen. Darin wurde erwähnt, dass die ursprüngliche Motivation zur Erfindung von Kunststoff etwas mit Elefanten zu tun hatte. Damals wurden Klaviertasten, Kämme und sogar Billardkugeln aus Elfenbein hergestellt.

Da es an Elfenbein-Billardkugeln mangelte, setzte ein Billardhersteller aus New York eine Belohnung von 10.000 Dollar für die Entwicklung eines künstlichen Elfenbeins aus. Der Erfinder Hyatt ließ sich davon inspirieren und entwickelte Zelluloid – den ersten thermoplastischen Kunststoff im modernen Sinne.

Hier zeigt sich eine andere Innovationsmotivation: 
Der Mangel an Ressourcen und echte praktische Bedürfnisse zwingen Menschen dazu, Alternativen zu suchen.

Die Quelle der Innovation lag diesmal in anderem Druck – Marktbedarf, Rohstoffknappheit, Kostendruck – während die Motivation des Erfinders aus einer Mischung von Preisgeld, Opportunismus und Neugier bestand.

Durch diese Geschichte wurde mir klar: 
Die Motivation für Innovation und die Quelle der Innovation hängen zwar zusammen, sind aber nicht dasselbe.

  • Motivation ist: die innere Antriebskraft eines Individuums oder einer Organisation.
  • Quelle ist: die systemischen Bedingungen, die Innovation erzwingen oder begünstigen.

Reflexion

Auf längere Sicht stammt menschliche Innovation nicht nur aus Krieg oder Ressourcenknappheit. Leonardo da Vinci etwa entwarf Fluggeräte nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Neugier und dem Wunsch zu erkunden. Die Motivation für Impfungen war dagegen protektiv, geboren aus Angst vor Krankheit und Tod. Musik, Astronomie oder Weltraumforschung gehören eher zur existenziellen Motivation: Menschen schaffen, um ihre Existenz zu bestätigen und sich mit anderen zu verbinden.

Daraus wurde mir klar, dass die Motivation für Innovation Neugier, Überleben und die Suche nach Sinn umfassen kann.

Die Innovationsquelle hängt jedoch weiterhin von äußeren Bedingungen ab: Krieg, Ressourcenmangel, Natur oder Marktkräfte.

Definition

An diesem Punkt finde ich es notwendig, das Wort Innovation erneut zu betrachten.

In engerem Sinne verstehen wir darunter neue Produkte oder Technologien, zum Beispiel:

  • Netflix: Von einem DVD-Versandunternehmen zu einem Streaming-Dienst, der das Seherlebnis weltweit neu definiert.
  • Sony Walkman: Vom Hardwarehersteller zum Anbieter von tragbaren Musikgeräten, die den persönlichen Raum neu definieren.

Aber Innovation hat auch eine andere Form: evolutionäre Innovation: Wenn Smartphones bessere Kameras einbauen, ist das zunächst nur Produktverbesserung. Doch es führte zur Entwicklung sozialer Netzwerke, Kurzvideos, Influencer-Ökonomie usw. In solchen Fällen wird der Kuchen nicht kleiner – er wird größer.

Wir können also unser früheres Fazit erweitern:

  • Motivation ist die innere Antriebskraft, z. B. Neugier, Überleben, Sinn.
  • Quelle sind äußere systemische Bedingungen, z. B. Krieg, Ressourcenknappheit, Natur oder Markt.
  • Form der Innovation kann sein: disruptiv oder evolutionär.

Wie innovieren Unternehmen?

Zurück zu den Unternehmen: Ihr Umfeld ist im Grunde dasselbe wie bei historischen Erfindungen. Sie haben eigene Ziele (Motivation), sie spüren äußeren Druck (Quelle), und ob sie disruptive oder evolutionäre Innovation schaffen, hängt davon ab, wie gut sie ihre eigene Identität verstehen und wie tief sie das Verhalten ihrer Nutzer erkennen.

  • Die eigene Identität zu verstehen bedeutet: „Wer bin ich?“

    Das beste Beispiel ist Netflix – es ist ein Anbieter von Seherlebnissen. Von diesem Verständnis aus kann sich das Denken eines Unternehmens endlos ausweiten.

  • Die Bedürfnisse der Nutzer zu verstehen bedeutet: „Was ist das tiefere Bedürfnis meiner Nutzer?“

    Dazu verweise ich auf den anderen Artikel von uns „Wann sind UX und Nutzerforschung (nicht) wichtig?“. 

Zusammenfassung

Innovation ist sowohl ein Produkt der Motivation als auch ein Ergebnis der Quelle. Sie kann disruptiv oder evolutionär sein.

Wenn Unternehmen wirklich innovieren wollen, dürfen sie sich nicht nur auf Ideen verlassen. Sie müssen:

  • zu ihrer eigenen Identität zurückkehren
  • Nutzerverhalten beobachten, verstehen und neu definieren

Innovation bedeutet nicht nur, Produkte zu erfinden, sondern den eigenen Unternehmenswert neu zu gestalten – und den Menschen zu sehen.

Spiegel Institut begleitet die Entwicklung mit UX und Nutzerforschung.
Wir bleiben nicht bei den geäußerten Wünschen der Konsumenten stehen, sondern gehen tiefer, um die tatsächlichen Bedürfnisse zu verstehen. Unsere cross-functional Teams – bestehend aus Function Ownern, Designern und User Researchern – arbeiten eng zusammen, um unseren Kunden ganzheitliche Lösungen zu bieten. info@spiegel-institut.de
 

Mehr Veröffentlichungen